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Mittwoch,
25.6. |
Liebe Leser! Kennen Sie den schönen Holzstich von dem Renaissancemenschen, der den Kopf durch die Käseglocke des mittelalterlich beschränkten Weltbildes steckt und einen Blick auf das Universum riskiert? Die Szene ist in jüngerer Zeit verfilmt worden. Die Kuppel der "Truman-Show" endet für uns hinter Cölbe bei Marburg, dem 'point of no return'.
"Es ist alles nicht so einfach" sagt das Tantchen in Walter Kempowskis letztem Roman "Alles Umsonst". Diesmal begebe ich mich also mit Vinzenz, der dankenswerter Weise kurzfristig eingesprungen ist, auf Tour. Wegen seiner Familienferienplanung muss sie kurz sein und schnell. Wie sich zeigen wird, können wir den bisherigen Rekord um zwei Tage unterbieten. Früh noch in der Schule, die mit ihren last-minute-Erledigungen schon an einen Charterflughafen erinnert, schaffen wir es doch, um kurz nach 11 Uhr aufzubrechen. Zahlreiche Menschen mit Zeugnissen oder Marktartikeln in der Tasche können das bezeugen. Wären wir noch früher losgefahren, hätten wir im Regen starten müssen. So sind wir trockenen Fußes politisierend und philosophierend (na ja, ein bisschen) bis zur Mühlenbäckerei in Caldern gekommen. Der wieder einsetzende Regen dauerte leider länger als zwei Tassen Kaffee, Kuchen und Brötchen. In Sterzhausen fehlen Radwegweiser. "Da lang müssen Sie!" ruft uns das Ehepaar aus dem Blumenbeet zu. Vinzenz: "Stehen Sie immer hier?" "Ja!" strahlen die Beiden. Hinter Stadt-Allendorf versuchen wir die B254 zu meiden und geraten auf einen beschwerlichen Wiesenweg, der oberhalb eines tief eingeschnittenen Hohlwegs liegt.Dieser ist offenbar eigens als Zugang zu einer obskuren Gedenkstätte angelegt worden. Jetzt scheint sie uns verwildert und verfallen. Hinterher ist man schlauer: Es handelt sich um eine Mariengrotte! Auch Militär spielte und spielt hier eine große Rolle, z.B. im Siebenjährigen und im Dreißigjährigen Krieg ... Das hübsche Neustadt bekommt eine Ehrenrunde (Die Pflasterarbeiten sind abgeschlossen ;-) und dann kommt der erste solide Anstieg, nach Willingshausen, wo es die älteste Malerkolonie Europas gibt. Kurz vor dem Etappenziel Ziegenhain (Schwalmstadt) führt uns die Radwegbeschilderung zu einem Fluggelände, das Gefahr für Leib und Leben signalisiert. Wir pfeifen auf Dante - und überleben, denn der Flugbetrieb findet bei Regen im Hangar statt. Das hübsche Mädchen an der Tankstelle frage ich, wo es nach Ziegenhain geht. "Sie s i n d in Ziegenhain" sagt sie etwas irritiert. Na, vielleicht finden wir den malerischen Ortskern, den die Karte verspricht morgen. Erst mal einziehen in den Rosengarten - so heißt das nette Hotel. Der erste Tag: 92 Km! "Rosengarten": Das wäre auch ein Name für die JVA Ziegenhain, dem Institut für die harten Fälle in Hessen. Kameras, Stacheldraht, Elektrozäune - ein martialischer Anblick inmitten einer allerliebsten Altstadt. Erfahrungen mit dem Metier gibt es hier schon lange: Vorgänger war das Frauengefängnis und die Zwangsarbeitsanstalt. Graffiti und Müll auf der Straße? Fehlanzeige. Den Ausgleich gegen die Türken in Wien zum 1:1 haben wir gehört: ein wilder Schrei aus dem Gefängnis. Zur Erinnerung: In Österreich und der Schweiz lief gerade die Fußball-Europameisterschaft und Deutschland war in's Finale gestolpert: Schlussendlich Vizemeister geworden. 3:2 verloren die Türken. (Hallo Günter D., alte Sportskanone ;-) Die Bild- und Tonausfälle sorgten für Erheiterung beim private-viewing im Seminarraum des Hotels. BTW: Kikke gugge (schwäbisch), Gasse gucke (hessisch) - die Synonyme für "public viewing" hat mir meine Schwester Franzi gesimst. Obwohl "public viewing" ja eigentlich "öffentliche Aufbahrung" heißt .... |
92 Km
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Donnerstag,
26.6. |
Karte und Klamotten sind getrocknet und die Festung Ziegenhain entlässt uns in einen Sonnentag. Über Homberg/Efze und das Knüllgebirge erreichen wir in Beiseförth die Fulda, verzehren die Hotelkiwis und arbeiten uns über Spangenberg hinauf nach Hessisch-Lichtenau. Dort gibt es schwer verdienten Milch-Shake, Kuchen und neue Steigungen im Kaufunger Wald. Dann aber sachtes Gefälle durch stille Täler: Laudenbach, Großalmerode und schließlich - durch ausgedehnte Kirschenplantagen - unser Tagesziel Witzenhausen an der Werra. Der einstmals weitgereiste Hotelier hat seine Fachwerkbude in ein Panoptikum verwandelt. Ich habe in einem afrikanischen Kral geschlafen, starr fixiert von einem Pavian nebst Medizinmannmaske. Wenn man die Augen zu macht, wirkt der Zauber nicht, habe ich mir zugeredet. Mal sehen, wie's ausgeht....
Den Abend verbringen wir vor einer Trattoria mit Dekolleté und Gesine-Schwan-Frisur. Sehr nett. |
105 Km
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Freitag,
27.6. |
Das ganze Hotel war von fröhlichen Radfahrern belegt, die alle fröhlich in strömendem Regen abgefahren sind. Wir haben uns ein bisschen Zeit gelassen. Zur Belohnung sind wir - toi-toi-toi - bis Göttingen trocken geblieben. Gleich um die Ecke bei der Gänseliesel sitzen wir nun im gemütlichen Nudelhaus. Bis dahin gab es aber erst einen harten Anstieg nach Eichenberg zu bewältigen. Dem schönen Gut Besenhausen, einstmals hart am Rand der Zonengrenze gelegen, haben wir auch einen Besuch abgestattet, die neue A38 und das schicksalsschwere Friedland passiert und in Niedern-Jesa an die schöne Hochzeit im November 1981 gedacht. Immer an der Leine: in diesem Falle führt uns das nach Einbeck, wo wir im Hotel Garni "Johanna" die letzten beiden Zimmer beziehen, ein schnelles Mahl beim Griechen einnehmen und in's Kino gehen. "Indiana Jones" muss nicht, also "Sex and the City", der ideale Film für frauenlose Ehemänner. Die Ausbeute an Gesprächsstoff hat den high-heel-overload spielend wett gemacht. Bei dem berühmten "Einbecker" haben wir noch lange auf dem fast italienischen Marktplatz gesessen.
Uli hat angerufen: Am Sonntag sind wir nun in der "Alten Hölle" zum Endspiel verabredet. Draußen regnet's. Die Zimmer sind schon gebucht. Jetzt müssen wir nur noch hin fahren. |
79 Km
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Sonnabend,
28.6. |
Kreiensen, Bad Gandersheim, Langelsheim. Immer am Harzrand entlang, dachten wir. Es ging aber auch mitten hinein und zwar so, dass wir im Wald bei Hahausen schließlich schieben mussten. In Langelsheim gab's einen freundlichen Chinesen, der uns auch um halb drei noch bewirten wollte. Weiter über Jerstädt und Vienenburg in das schöne Hornburg mit Milch-Shake im "Rocca". Da war es schon halb sechs. Das Große Bruch hat einen prima Eingang, bei Osterrode auch spärliche Spuren der Zonengrenze, jedoch: Der Ausgang fehlt noch immer. Die alte Bahnstrecke von Jerxheim nach Oschersleben ist noch immer kein Fahrradweg, und auch andere Schleichwege haben wir nicht gefunden - obwohl wir fleißig gesucht haben, sogar in einem Brennnesselfeld mit linksseitigem Abgrund (auf dem Rückzug dann rechtsseitig). Die dabei draufgegangene Zeit haben wir mit einem Parforceritt wettgemacht: Über Dedeleben und Schlanstedt nach Oschersleben. Ankunft nachts um Zehn im "Belgrad", Restaurant und Pension. Das wirtsseitige Vertrauen in unsere Seriosität war zunächst begrenzt, konnte aber durch Vorkasse erhöht werden. "Seid ihr Brüder?" "Sogar Zwillinge" wollte Vinzenz erwiedern, aber wie Werner Finck schon so schön gesagt hat: "Nach einer Stunde bin ich auch schlagfertig!" In der Gaststube lauter Motorsportexperten im lokalen Idiom. Der Wortführer allerdings in Hochdeutsch. "Bei uns im Westen, sag ich mal ...", "Und da fragt der mich doch, und da sag ich zu dem, da tu ich keinen Handschlag!" Zum Einschlafen gab's noch ein Hörspiel der traurigen Art: Eine Frau, die hörbar umsonst fleht, nicht geschlagen zu werden ....
Beim Frühstück Grundkurs Erziehung am Nachbartisch: "Michael, nimm den Finger aus dem Tee!" "Ich will einen Löffel!" "Ein paar hinter die Löffel kannst Du kriegen!" |
146 Km
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Sonntag,
29.6. |
Vorbei am Motopark, aus dessen Schüssel es vernehmlich röhrt, geht es auf LPG-Beton und der schön gepflasterten alten Reichsstraße 81 gen Magdeburg. Meinen Sonnenhut habe ich im "Belgrad" am Fenster hängen lassen. Vinzenz' Ersatzkappe (von Jonas) leistet vorübergehend gute Dienste - aber dazu später mehr. In Magdeburg statten wir dem Hundertwasserhaus einen Besuch ab, es ist einen Blick wert. Wenigstens zwei Blicke verdient der Dom. Wie hell es darin ist! Und mein Schinkel wollte ihn nach den napoleonischen Zerstörungen abreißen lassen - kaum zu glauben. Auch in diesem protestantischen Gotteshaus kann man - wie in der Dresdener Frauenkirche - ein Licht entzünden und ein Gebet versenden ...
Nach Salat (sollte schnell gehen, brauchte aber auch eine Stunde) und Elbüberquerung treffen wir auf eine silberhaarige Fahrradgang von etwa zwanzig Leuten.Der Fähnleinführer erklärt uns ungefragt und eilfertig den Weg nach Möckern. Ja ja, sagen wir und fahren im gerade erwachten Bewußtsein unserer Jugend flott davon - und biegen falsch ab. Nach zwanzig Minuten finden wir auf den rechten Weg zurück, gerade rechtzeitig, um mit großem Hallo und einer Prise Schadenfreude von der nämlichen Gang empfangen zu werden. Bloß schnell überholen und nicht noch einen Fehler machen. Immerhin schinden wir Eindruck, weil wir nicht bloß nach Möckern sondern in die "Alte Hölle" wollen. "Au, das ist ja w e i t !" (Warum sie 'au' rufen, wird mir gerade erst beim Abtippen des Tagebuches klar ;-) Tja, wer hat, der hat. In Loburg gibt es endlich wieder Milch-Shake. Vinzenz' Vanille-Version ist diesmal misslungen - mit Eiswürfeln drin! Sein zweiter Versuch, Banane, schmeckt dafür 'verboten gut'. Um 19 Uhr sind wir, wie avisiert, in der Alten Hölle, Herr Bienek begrüßt uns mit Handschlag - "das Gesicht kenn ich!" - wir bestellen Bier und Speckpfannkuchkuchen und besetzen die strategisch besten Plätze vor dem Fernseher. Eine Stunde später kommen tatsächlich Uli und Ulrike, bestellen dasselbe noch mal und wir sehen gemeinsam die deutsche Elf gegen Spanien untergehen.Nebenbei entsteht der Plan, dass Uli die letzte Etappe mit uns radelt und Ulrike mit dem Auto nach Berlin vorfährt - wofür ihr hier noch mal gedankt sei, denn der Plan wird erfolgreich umgesetzt. Aber erstmal schlafen, denn schließlich waren es heute auch immerhin 118 Km. |
118 Km
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Montag,
30.6. |
Ein strahlender Tag. Zu dritt donnern wir die offroad-downhill-Marterstrecke nach Belzig hinunter. Heil kommen wir an - bis auf die Schramme an Ulis Knie, weil er den Kirschen nachsteigen muss.Überhaupt ist er wie ein junger Hund unterwegs. Ohne Vorwarnung verschwindet er nach rechts und links, weil irgendetwas seine Aufmerksamkeit erregt. Geht aber nicht verloren, weil er die ganze Zeit wie Ilse Werner pfeift. In Belzig empfehle ich ihm, es mir nach zu tun und einen Trinkvorrat anzulegen. Nach getaner Rede will ich einen Schluck nehmen - und greife ins Leere. Die Flasche ist mir auf der downhill-Piste aus der Halterung gesprungen.Hm. Also eine Neue kaufen. Flasche ansetzen, Kopf in den Nacken, in die Sonne blinzeln - Mütze aufsetzen! Wenn sie man noch da wäre. Ob sie vor oder nach der Flasche abgestiegen ist, kann nun leider auch nicht mehr geklärt werden. Auf dem noblen Europaradweg - R1 - geht es bis Petzow. Dort ist Rast mit Blick auf Haus- und Schwielowsee. Vor der Caputher Fähre scheucht uns die Polizei von der menschenleeren Straße auf den Radweg. Die Fähre benutzen wir dann gemeinsam mit den Ordnungshütern, dankbar, dass die Genossen nicht noch ausführlich die Gesetzeslage vermitteln wollen. Im Kavalierhaus des Caputher Schlosses gibt es - keinen Milch-Shake! Wir legen trotzdem eine Rast ein, weil der Platz so schön ist. Am Templiner See entlang, am Hbf Potsdam vorbei, längs der Neuen Fahrt, über die Nuthemündung durch den Schlosspark Babelsberg, semi-pathetischen Blickes Richtung Glienicker Brücke, debattierend durch die Wassergrundstücke am Griebnitzsee, Kohlhasenbrück, die Alsenbrücke und die Stülerkirche im Dorf passierend und wir sind da - nach sechs Tagen und 625 Km. Rekord! Eben ein rituelles Bier und dann fahren wir zu dritt mit der S-Bahn nach Lichtenrade und liefern Uli wieder bei Ulrike ab. Ein nächtlicher Bummel bei italienischen Temparaturen von der Museumsinsel bis zum neuen Hauptbahnhof beschließt den Tag. Vielen Dank an meinen Begleiter! F. |
85 Km
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| Nachgedanken: Noch viel ist geschehen: "Kiss me Kate" mit Vinzenz und Ulrike in der komischen Oper, eine Radtour mit Toni von Wannsee nach Manker und Retour, eine Segelreise durch die Schären und den Götakanal mit der Toffifee - was will man mehr. Vielen Dank euch allen! F. |
Total: 625 Km |