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Mittwoch,
27.6. |
Wie heißt noch der Vorgänger von Jogi Löw? "Es gibt nur ein' ...". Ne, der dazwischen -- Goleo! Blödsinn. Klinsi natürlich. Der, der Ping Pong und Bogenschießen zur Vorbereitung auf große Taten befohlen hat. So tun wir auch in diesem Jahr - und sind deshalb zunächst mal gepaddelt: eine 16km-Runde über Rätzsee, Gobenowsee und Labussee, südlich der Müritz (bei Waren), mit lieben Verwandten und einem fürstlichen Picknick. Nun schmerzt zwar das Sockenanziehen aber Radeln geht gut.
Noch "was Öl" auf die Kette, den Brooks-Sattel fetten und nachspannen und ab geht das. Es ist kurz vor drei, eigentlich ganz schön spät; aber die meisten Schauer und die größte Kühle haben wir so ausgelassen. Nun ist holländischer Himmel und Rückenwind. Komfortabler kann eine Radtour nicht anfangen, insbesondere, wo der Lahntalradweg jetzt so gut ausgebaut ist. Hinter Cölbe geht es an der Ohm weiter. An der schönen Wassermühle bei Bürgeln gibt es Wanderzeichen für den Elisabethpfad von Marburg nach Eisenach, die uns vom Radweg weglocken. Hinter Kirchhain mit den inzwischen auch schon historischen Fünfziger-Jahre-Läden - bunte Kacheln, gebogene Schaufenster, geschwungene Schriften, Türen mit "goldenen" Rahmen und schwarzen Kunststofftürgriffen - hinter Kirchhain also fängt es doch noch an zu regnen. Über die KZ-Außenstelle Münchmühle gelangen wir nach Stadtallendorf. Der Duft von frischen Waffeln kommt von Ferrero, oder heißt es Ferero? Mit Ferrari hat es wohl doch nichts zu tun? - der Gestank jedenfalls von einer Eisengießerei. In's Auge fällt ein großer Nazibau am Aufbauplatz, der jetzt eine Ausstellung u.a. zur Geschichte der Zwangsarbeit und Rüstungsproduktion am Ort enthält. Um kurz vor acht finden wir das freundliche Hotel "Milano" (na, hast Du Deine Hosen verloren? begrüßen mich die Zecher) und einen "guten Griechen", das "Akropolis". |
65 Km
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Donnerstag,
28.6. |
"So, dann beeilen Sie sich, und wenn Sie drüben angekommen sind, geben Sie bitte Bescheid. HALT! Da kommt noch einer!" VROOM!! (Meine Reverenz an die Documenta 12) Die Szene spielt sich, begleitet von Manöverschüssen, an einer Anrufschranke hinter Stadtallendorf ab. "Danke!" Bitte sehr!"
Neustadt/Hessen putzt sich heraus. Die Wege werden neu gepflastert und die Orientierung schwindet rapide. Dank der Frau mit dem roten Golf finden wir aber den Weg nach Willingshausen. Der Hollandhimmel ist zurückgekehrt und der Wind hilft uns über die Höhe. Zur Belohnung gibt es eine lange Abfahrt mit Panoramablick und Himbeeren am Wegesrand im Antrifttal. Zehn Minuten später regnet es und hört erst kurz vor Alsfeld wieder auf. Die Kuchenpause in Omas Stubb fühlt sich verdient an. Nur die nassen Füße haben nichts davon. Auf und ab geht es zonder regen en af en toe zon den gut beschilderten und gepflegten "R2" nach Lauterbach und in's Hotel Schubert, dass wir schon von der Tour 2002 kennen. Die Räder kommen wie gehabt in den Weinkeller, die junge Dame an der Rezeption ("Ist die nett!!") weist uns den Weg zum Himmelbett, zu dessen Füßen die Lauter leise rauscht .... |
61 Km
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Freitag,
29.6. |
Draußen ist es "frisch, frisch, frisch". Wir selbst sind nach dem überaus köstlichen Mahl im Gourmetrestaurant des "Schubert" nicht ganz so frisch. Na, wird schon werden.
Wird. Es ist bedeckt, aber trocken. Bad Salzschlirf ist noch kaiserlich schön. Vor Großenlüder hat es einen Panoramablick auf die Rhön. Fulda, die moralische Hauptstadt Deutschlands, empfängt uns mit dräuendem Himmel, vermutlich ob unserer ketzerischen Gedanken. Wir überqueren die Bischof-Dyba-Allee. Vorbei an Dom, Hauptwache und Schloss flüchten wir uns in den "Dachsbau". Dort nehmen wir Pfifferlinge mit Nudeln an einem Tisch gleich beim Eingang. Die Menschen sind hier besonders höflich und wünschen uns in einem fort einen guten Tag, weiterhin guten Appetit und eine gute Weiterreise. Wir bedanken uns jedesmal mit vollem Mund, unsere gute Kinderstube also unter Beweis stellend. Nach einem recht beschwerlichen Irrweg heraus aus Fulda (Radwegbeschilderungen funktionieren oft wie Lebendfallen: Der Weg hinein gelingt ohne Umstände ...) über Petersberg und Almendorf - Dank an die Hilfreiche in der Araltankstelle - finden wir in Wiesen/Gem. Hofbiber endlich den gesuchten Radweg, der überhaupt der Auslöser der diesjährigen Tourplanung war: Er verläuft auf der ehemaligen Bibertalbahn, heißt Milseburgradweg, ist ganz neu und vorbildlich ausgestattet: Mit Infotafeln und Wegweisern zu den Sehenswürdigkeiten rechts und links, Erfrischungsbuden, Bahnhofsschildern in schwarz-weiß wie früher, restaurierten Bahnsignalen und, absoluter Höhepunkt, einem knapp 1,2 Km langen beleuchteten Tunnel, der allerdings von Oktober bis März nur von Fledermäusen passiert werden darf. Die Kuppenrhön ist eine schöne Landschaft. Das dachte sich auch der Reformpädagoge Hermann Lietz und eröffnete seine Schule im Schloss Biberstein. Wernher von Braun war dort einer seiner Schüler. Gegen Abend wird es recht kühl - im Tunnel waren es 8-10º, draußen kaum mehr - und wir finden in Tann/Rhön am Ulstertalradweg das Lindenhotel. "600 Meter" sagt die Werbetafel, verschweigt aber, dass es (gefühlte) Höhenmeter sind. Egal. Wir werden freundlich empfangen und das Bauernomelette ist riesig. Im hauseigenen Schwimmbad wären wir damit vermutlich untergegangen. Mehr Energie besitzt Tatjana, die Juniorchefin. Sie regiert das Hotel und ihre Kinder (3+6) und springt kurzfristig noch als Staffelschwimmerin ein; in Tann wird nämlich ausgerechnet heute Abend das neue Freibad feierlich eröffnet. Mit Feuerwerk bei Regen. Das haben wir aber alles verschlafen und uns zum Frühstück erzählen lassen. |
75 Km
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Sonnabend,
30.6. |
"Und, wie isses? Die Leute lügen doch heutzutage wie überall!" Wir teilen die Empörung der Wirtin und denken heimlich, dass wir die Quelle für die wunderbaren Nummern des Kabarettisten Rolf Miller gefunden haben. Im Naturkundemuseum von Tann gibt es eine Sonderausstellung mit Folterwerkzeugen - überall ist Wunderland.
Der Ulstertalradweg verläuft auf der alten Bahnstrecke von Fulda nach Eisenach, ist ganz neu und sehr schön. In Gaisa direkt hinter der Kulturhalle, der man den Kulturbegriff ansieht - aus großer Zeit oder doch Väterchen Stalin? - geht es links über die Ulster zum "Point Alpha", einem Beobachtungsposten der Amerikaner an der deutsch-deutschen Grenze; und zwar so dicht, dass Peter Ustinov als er mal da war, zu den GIs gesagt haben soll: Wenn ich also hier meinen Schlüssel vom Turm fallen lasse, dürfen Sie ihn nicht wiederholen? Right, Sir! Die Frau an der Kasse stammt aus Eisenach. Der ältere Besucher erfragt das schüchtern, gibt erfreut bekannt, dass er aus Leipzig stamme. So der gemeinsamen Herkunft versichert, sind sie sich einig, dass es doch ganz interessant sei, einmal zu sehen, wie alles gewesen ist. Die Gedenkstätte ist direkt auf dem Kolonnenweg errichtet und und durchaus sehenswert - wenn auch der Aufstieg für uns hart war. Bis Philippsthal geht es dann ganz leicht. Das Schlosscafé dort eröffnet zwar erst morgen die renovierten Räume, aber der freundliche Inhaber bietet uns trotzdem einen Kaffee an. Danke! In Dankmarshausen ("Was machen wir jetzt? Machen wir Schluss?") finden wir hoch oben über der Werra das gute und preiswerte Hotel "Waldschlösschen", so geheißen, weil die Inhaber ihren eigenen Wald, der im Grenzsperrgebiet lag, erst nach der Wende in Besitz nehmen konnten. Nach verlustreichen Kämpfen haben wir die Mückenschlacht gewonnen und schließlich doch geschlafen. Leider sagt die blanke Km-Zahl nichts über die Beschaffenheit der Strecke. Wenn man aber Point Alpha mitbedenkt, ist 55Km gut gewesen. |
55 Km
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Sonntag,
1.7. |
Bis Wilhelmsglücksbrunn, der ehemaligen Saline, die sich jetzt zu einem Gut mit Gastbetrieb entwickelt, wechseln wir mehrfach zwischen Thüringen und Hessen. Der "Grenzübertritt" ist aber selbst mit Karte nicht mehr auszumachen. Es sei denn zwischen Lauchröden und Herleshausen, verbunden durch eine wunderbare alte Lindenallee. Die Grenze verlief in der Werramitte. Jetzt ist die (natürlich) fehlende Brücke ersetzt worden und wir können so autofrei wie gutsherrlich von Ost nach West reisen.
Beim Mittag im Gutsrestaurant (Thüringen) - ist hier noch frei? - setzen sich regionaltypische Menschen an unseren Tisch, verzehren mitgebrachte Stullen, bemäkeln die Temperatur der Getränke und erzählen Kohlwitze. Na ja, es war auch nicht alles gut. Vorbei an der alten Werrabrücke mit der Lioba-Kapelle in Creuzburg geht es mal wieder auf einer ehemaligen Bahnstrecke zwischen Creuzburg und Buchenau. Die Brücke gibt es nicht mehr - sie ist sicher nach dem Krieg wegen der Grenznähe nicht wiederaufgebaut worden. Bei Heldra sind wir wieder in Hessen - im Westen kann man nicht mehr sagen, statt Grenzrelikten gibt es Biosphären-Infotafeln. Welche alte Bahntrasse wir nun gerade befahren - ist es vielleicht die legendäre Whisky-Wodka-Linie? - hätte man gerne gewusst; wie wäre es mit einer Historien- zwischen zwei Feuchtgebietstafeln? Das Bismarck-Denkmal lassen wir aus, auch das belebte Johannisfest in Eschwege. In der Nacht gewittert es heftig und die Vorhersage ist wenig erfreulich. |
83 Km
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Montag,
2.7. |
Also für uns. Ganz anders sehen das die Schnecken. Nämlich weder rechts noch links und ohne besondere Eile kreuzen sie zu hunderten die Bahn. Das Vertrauen eines besonders schönen Exemplars habe ich erwerben können und sie hat sich schließlich doch fotografieren lassen. Museen sind Montags zu. Einer der wenigen Fixpunkte im Leben. Das Grenzmuseum Schifflersgrund in Asbach / Sickenberg hat deshalb auch geschlossen. Pech. Das Schloss Rothestein bei Bad Sooden-Allendorf ist Privateigentum und z.Zt. nicht zu besichtigen, sieht aber aus, als sei es von einem sehr eifrigen Modelleisenbahner entworfen worden. Nachtrag Treffurt, das wir schon passiert haben und das sehr malerisch über der Werra, gerade eben schon im ehemaligen Osten liegt: Gegenüber des Eiskaffees mit der netten Bedienung steht ein Fachwerkhaus, "Der Falkenhof", zum Verkauf. In einem Mauerloch war ein vollbesetztes Vogelnest und wir haben die Fütterung beobachtet. Wenn man nun so ein Haus kaufte und denkmalgerecht sanierte? Warum eigentlich nicht? Aber was dann damit tun? In Witzenhausen (sic!) kommt die Erleuchtung: Ein Museum! Ein Totalitarismus-museum. Unterzeile: "Von der Idee zur Repression". Das Ganze in Thüringen ... Der Weg von Eschwege nach Witzenhausen ist über weite Teile besonders schön und auch deshalb interessant, weil wir durch Lindewerra kommen, das damals zur "Zone" gehörte und eine schicksalsträchtige Werrabrücke besitzt. Wieder besitzt, denn die Wehrmacht hatte sie gesprengt und die SBZ hatte die Wiederaufbaupläne ("natürlich") unterbunden. Wie selbstverständlich steht die Brücke nun wieder an ihrem Platz. Überhaupt die Grenze: Mit der Lupe muss man ihre Spuren suchen - eine längliche Blumenwiese z.B. kann eine solche Spur sein. Witzenhausen, die Kirschenstadt, ist eine Schönheit, genau wie Allendorf, Treffurt, Wanfried, Eschwege und wie sie alle heißen. Ein Kleinod reiht sich längs der Werra an das andere. Am Wege treffen wir außerdem glückliche Schweine, die unter zooähnlichen Bedingungen gehalten werden. In Witzenhausen dreht das ZDF gerade eine Reportage über Goldsucher. Leider werden wir nicht um Rat gefragt ... Auf ihren letzten Metern läuft die Werra zu großer Form auf. Eine mächtige Staustufe befindet sich unterhalb der Werratalbrücken, die die A7 und den ICE tragen. Direkt an der "Kuss-Stelle" ziehen wir in "unseren Alten Packhof ein. Vorher gibt es aber noch eine Pause in Witzenhausen mit Kaffee und Vanillestangen. Köstlich. Mit der Konditeuse kommen wir ins Gespräch. Sie stammt aus Thüringen und hat in der 5Km-Sperrzone gelebt. Selbst sie durfte aber nicht in die 500m-Sperrzone, wo wieder besondere Berechtigungen verlangt waren. Die Burg Hanstein z.B. blieb ihr auf diese Weise verschlossen. Froh ist sie, dass die Grenzanlagen spurlos verschwunden sind. An dem Anblick habe sie keinen Bedarf. Apropos: audiatur et altera pars ... Ein Dejavu verfolgt uns buchstäblich: zwei radelnde Herren, die uns ihrer auf plattdütsch geführten Unterhaltung wegen zuerst in Dankmarshausen aufgefallen waren, treffen wir in Eschwege beim Hotelfrühstück wieder, dann im Café in Witzenhausen und schließlich - unsere Empfehlung ist offenbar angekommen - winken sie aus einem Fenster des Alten Packhofes, als wir dort ankommen. Am Abend kommt einer unserer Söhne auf der Durchreise in Hannoversch Münden vorbei, und so können wir zusammen (in der "Reblaus") zu Abend essen. Das freut das Elternherz. |
62 Km
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Dienstag,
3.7. |
Am Weserstein - deutsch bis zum Meer - machen wir das obligatorische Foto und pesen die 45Km bis Bad Karlshafen in etwas über zwei Stunden. Fünf Minuten vor Ankunft kriegen wir eine kräftige Dusche ab und sitzen nun, etwas begossen, aber bei Kakao und Kartoffelpuffern, im Schlosscafé und warten auf bessere Zeiten. Unterwegs haben wir uns über grüßende und nichtgrüßende Radlerpaare Gedanken gemacht; denn nicht geschieht, dass einer grüßt und eine nicht. So muss man schon sagen, denn immer ist es so, dass er vorweg fährt und sie hinterher. Susi meint, es könne ja sein, dass sie sich auch grüßtechnisch anpasst, indem das sie grüßt, wenn er es auch tut. Angenommen aber, er würde mir (ja, ich fahre auch vorweg) die Zunge herausstrecken, könnte sie das ja nicht sehen. Es scheint also eher so zu sein, dass Grüßer und Nicht-Grüßer zueinandergefunden haben. R99 heißt der Radweg an der Weser nun. Auch dort regnet es noch eine weitere Stunde, aber Höxter und Corvey, das Kloster Karls des Großen, passieren wir wieder trocken. Die Hotelsuche in Holzminden wäre fast vergeblich gewesen, wenn uns nicht in einer Kneipe die Familie Brill empfohlen worden wäre. Das alte Haus zu einer Pension umgebaut, die Hausherrin aus dem fernen Osten (nein, jetzt wirklich ;-) und so ausnehmend nett (drum ebend, hätte Oma Klönne gesagt) das alle Vorurteile bestätigt werden. Wir bekommen die "Suite" für 25€ p.P. inklusive Frühstück. Und das Frühstück versetzt in alte Zeiten ("Sommerfrische"), denn alle Gäste sitzen um einen runden Tisch. So entspinnen sich Gespräche und es wird viel gelacht, weil wir unser gemeinsames faible für "Stenkelfeld" entdecken. (4km sind für die Suche nach dem sprichwörtlichen Dach überm Kopf draufgegangen). Nachtrag: Den Schlaumeier, der bei Tische theoretisiert, der Autobahnbau in Deutschland komme nicht voran, weil alle Mittel in die Fahrradwege gingen, wollten wir eigentlich lustig finden. Das ging aber erst, als er die Runde verlassen hatte ... |
83 Km
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Mittwoch,
4.7. |
Die Wettervorhersage ist düster und es beginnt auch recht kühl. Um es kurz zu machen: Wir kommen trockenen Fußes in Einbeck an. Der Rückenwind hilft uns über den Solling. Zwar begleiten uns schwarze Wolken, vermutlich aber nur aus dramaturgischen Gründen. In Marktoldendorf essen wir zu Mittag, zusammen mit den Überlebenden der Weltkriege. Auf die Frage, wie es geschmeckt habe, antworte ich "wie selbstgekocht!" "Das i s t selbstgekocht - aber alles!" kommt es zurück. Danach wird das Lob gut hörbar in die Küche getragen. In Lüthorst gibt es einen Wilhelm-Busch-Gedenkstein und ein Wilhelm-Busch-Museum, das nicht nur Montags nicht, sondern überhaupt nur Sonntags auf hat. Ein freundlicher Dorfbewohner erzählt uns aber, dass Lüthorst Wilhelm Buschs zweite Heimat war. Sein Onkel, ein Pfarrer, hat dort gelebt. Der Solling bietet manche Steigungen, aber dafür auch spektakuläre Ausblicke, wie gesagt mit dramatischem Himmel als Zugabe. Einbeck ist sicherlich einen zweiten Besuch wert: Altstadt, das bekannte Bier, der Industrielle Stukenbrok, Erfinder des Versandhandels ... Wir wohnen im blumigen Hotel Garni "Johanna". Vor uns waren schon Justus Frantz und Gunther Emmerlich da und haben sich auch wohlgefühlt. Susi hat sich Trekkingsandalen gekauft (19,95€), wir waren beim "Griechen" und anschließend (quo vadis?) im Kino. "Shrek III". Wofür sie besonders schwärmt .... |
48 Km
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Donnerstag,
5.7. |
Es ist 10 Uhr und draußen geht die Welt unter. Mist. Die Jugend der Welt feiert die Vergabe der Olympischen Winterspiele nach Russland. Bis es soweit ist, wird sie allerdings sieben Jahre älter sein. ("Das alte Baby zieht zum letzten mal am Schnuller." Georg Kreisler) Mann, mann, mann. So nass sind wir überhaupt noch nie geworden. Als wir die Konditorei in Kreiensen betreten, hört sich das an, als ob Robbenfütterung sei. Es gab aber Zitronenrolle und Kakao. Außerdem konnte man sich abtrocknen. Bad Gandersheim zeigt sich zwar sonnig, aber hinter Wolperode regnet es wieder - egal, richtig trocken waren wir sowieso nicht. Für das Wetter können die Macher des R1 nichts; aber für die Streckenführung; und es gelingt ihnen, schöne Stellen miteinander zu verbinden. Der obstbaumgesäumte Weg über den Kamm des "Heber" ist so eine. Vor ein paar Tagen haben wir übrigens einen Streckenbetreuer getroffen, der seine Teilstrecke des Europaradweges abfährt, die Schilder kontrolliert und die Radler fragt, ob die Wegweiser ausreichen und verständlich angebracht sind. Toll. In Seesen ziehen wir begossen in den Goldenen Löwen ein. "Na bravo", sagt Sophie Rois in Bucks "Wir können auch anders". Seesen ist übrigens die Keimzelle von Steinway&Sons. Eine Gedenktafel für Louis Spohr haben wir gefunden, WB hat hier seine letzten Jahre verbracht und die Jacobsonschule hat auch eine interessante Geschichte. |
42 Km
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Freitag,
6.7. |
"Ohne Socken - fahrn wir nach Berlin, ti ti ti" ("ti ti ti" courtesy Ralf Sögel) Zu singen nach der Melodie: "Einer geht noch, einer geht noch rein ...) Egal, was die Frösche sagen: Ein toller Tag! Eine steife Brise bläst uns vor sich her durch's Harzvorland. Sogar die Sonnencreme kommt zum Einsatz. Auf der alten B248, die wir vor Jahren schon einmal gefahren sind, ruft, zuverlässig wie jedes Jahr, Toni an und fragt, wie schnell wir sind. 30Km/h natürlich. Dann trennen wir uns vom R1, denn Berlin beginnt mächtig zu ziehen und wir wollen tempo machen. Außerdem gibt es auch ohne Fahradschilder jede Menge schöne Wege und die Leute am Wegesrand geben sogar ungefragt Tipps, wo es am schönsten sei: Z.B. zwischen Klein Döhren, Wehre und Schladen. In Hornburg gibt es Cheeseburger und Cola - nicht bei Mac D. -Zur Unterhaltung versucht ein riesiger Sattelschlepper direkt vor unserer Nase vergeblich, sich durch die Altstadtgässchen Hornburgs zu zwängen. Vielleicht ist er immer noch dort? Danach geht es nach Sachsen-Anhalt in's Große Bruch, einem Urstromtal, durch das vor Zeiten mal die Elbe geflossen ist. 2002 waren wir schon mal hier. Diesmal reisen wir auf der Sachsen-Anhaltinischen Seite. Die alte Straße von Hornburg nach Osterrode und Veltheim verliert sich fast vollständig im Nichts. Die Betonplatten des Kolonnenweges verraten den Grund. Bei Mattierzoll wechseln wir wieder auf die Niedersächsische Seite. Die Grenzinformationsbude, die den Mauerfall feiert, ist inzwischen selbst in Zerfall begriffen. Der Rückenwind wird immer heftiger. Leider fahren wir, wie schon damals, ein Stück zu weit, müssen umkehren und bekommen die "Windkracht" erst richtig zu spüren. Von Jerxheim (Kommt vor in "Sten Nadolny, Netzkarte". Schönes Buch) bis Schöningen wird es doch nass. Außerdem benutzen wir die B244 und der Spaßfaktor lässt etwas nach. Schöningen, hart am Rand eines Tagebaugebietes gelegen, war einmal ein Kurort und hatte auch ein Kurhotel. Dort wohnen aber gerade die Arbeiter, die das Kraftwerk in Offleben bis 2011 zurückbauen. Wie dem auch sei, wir werden vom Kurhaus an's "Deutsche Haus" weitergereicht. Dort findet in dem historischen Gastsaal morgen der Abi-Ball (mit rotem Teppich und Fackeln) statt. Für eine Nacht ist aber noch ein Zimmer frei. Das Nachtmahl gibt's in "Omas Küche" mit Selbstgekochtem, dunklem Bier vom Fass und - ist die nett! - toller Bedienung. |
85 Km
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Sonnabend,
7.7. |
Der Weg nach Osten ist beschwerlich. Schon die Wegbeschreibung - ? Da fahren wir nicht hin! - fällt dem Eingeborenen schwer. Zwischen Sommersdorf und Völpke kann man die Entwicklung des Straßenbaus im vorletzten Jahrhundert studieren. Ernst Thälmann und Rosa Luxemburg weisen den Weg zu leeren Schweineställen und verlassenen Höfen. Nur die tiefergelegten Kampfkarossen zeugen von der neuen Zeit. Im Supermarkt hat die nette Kassiererin Verständnis für unsere Transportkapazitäten und verkauft uns vier Flaschen Apfelschorle aus dem Sechserpack. (Wir müssen sowieso weg vom Sechser-Pack" wusste Horst Buchholz in Billy Wilders "1-2-3"). Danke! Der Himmel droht mit Ungemach, aber er droht nur. Zwar faucht der Wind, aber nur von hinten. So reisen wir durch die Magdeburger Börde mit den vielen neuen und ein paar alten Windmühlen. Badeleben, Ummendorf, Eilsleben, Siegersleben - "Da gibt's eine prima Betonstraße! Immer bergab!" sagt der alte Herr. Er kennt aber das große Tor nicht, das uns aus- und die ehemalige Mülldeponie versperren soll. Wir kommen trotzdem durch. Dreileben - Niederndodeleben (Ortsdurchfahrt gesperrt. S.o.) - schon von weitem ist der Dom zu sehen, der Magdeburg überragt. So wie früher der Dom zu Köln seine Stadt ... Das heftig kriegszerstörte Magdeburg hat jetzt ein schickes verwechselbares Zentrum, irgendwo zwischen Dortmund und Wladiwostok. Ein Hingucker aber ist das Hundertwasserhaus, das gerne gezeigt wird. Wir stauben auch gleich eine Führung ab. Höhepunkt ist natürlich der Dom auf seinem Felsen an der Elbe, der immer neue Geheimnisse preisgibt . und es wird auch immer weiter gegraben. Ihm müssen wir mal einen Extrabesuch abstatten, denn beim Mittagessen entsteht der Plan, bis in's Brandenburgische weiter zu fahren. Dann wären wir Sonntag in Berlin! Die Sonne kommt heraus und die steife Brise behält ihre günstige Richtung aus West. Also los, frisch nach dem Weg gefragt. "Nach Berlin? Danach hat hier noch keiner gefragt. Die Leute wollen immer nach Dresden oder Hamburg. Gibt es denn da schöne Radwege?" So der O-Ton der Kellnerin im "Keilmann's" am Dom. Wie dem auch sei: Es gibt. Über die Elbe und die Alte Elbe, dann auf dem absolut noblen Elberadweg ins noch noblere Herrenkrug. Von dort immer längs der Regionalbahn Richtung Loburg bis Möckern. Die nächsten 40Km spielen sich auf der B246 ab. Die ist zwar am Sonnabend-Abend wenig befahren, aber die Wenigen haben das Ende des kalten Krieges offenbar nicht mitbekommen. Der Einzige, der einen angemessenen Bogen um uns macht, kommt aus Hannover ... Und jede Menge kläffendes Viehzeug in den Dörfern. Wehe, wenn sie losgelassen ... Loburg hat sich toll herausgeputzt. Müssen wir auch mal separat besichtigen.Nun noch durch den Hohen Fläming, letzte Steigung hinter dem Bahnübergang Reetz, vorbei an der alten und der neuen Ziegelei in Reetzerhütten und wir landen in der "Alten Hölle". Wer will schon in die Neue ... Wir werden herzlich empfangen, weil sich die ungarische Besitzerin unserer erinnert (ihr Hund übrigens nicht). An der Rezeption sitzt zu unserer Verwunderung ein farbiger 16-jähriger Amerikaner. Er und seine vielen Altersgenossen gehören zu einer US-Jugendfußballmanschaft, die 14 Tage hier trainiert hat und heute Nacht um 2:45 Uhr Richtung Airport abreist. Der Trainer erzählt uns von ihren Lebensgewohnheiten - Eltern auf Arbeit, nächtliche Mahlzeiten - und dass man das in 14 Tagen nicht so schnell ändern könne. Dankbar registriert er mein professionelles Verständnis. Nachts um halb drei ist es dann soweit: die Rollkoffer kommen die Treppe herunter wie Pu der Bär an der Hand von Christopher Robin, Mitschüler werden vermisst und endlich rollt der Bus davon. Mich beschäftigt der Gedanke, dass vielleicht einige dieser lebenslustigen Menschen in drei-vier Jahren die gleiche Szene noch einmal erleben werden - wenn sie in den Irak oder einen anderen Brennpunkt aufbrechen müssen. |
126 Km
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Sonntag,
8.7. |
In der "Alten Hölle" hat Erich Mielke Seminare abhalten lassen. Ob er den genius loci mitbedacht hat? Vielleicht war doch nicht alles schlecht ;-) Na, ja. Was die wohl besprochen haben? Das hätte man gerne gewusst, würde Walter Kempowski sagen. Mit der Dame des Hauses sprechen wir auch über die Gegenwart, die es in sich hat. Über Gäste, die sich tadellos benehmen, andere, deren Aufenthalt die Notwendigkeit einer Renovierung nach sich zieht, und solche, die in einem freien Land sowenig etwas zu suchen haben wie in ihrem Hotel. Wie sie diese Haltung vertritt, davor ziehen wir hier den Hut! Auf zum letzten Streich. Über Neuehütten, Schlamau, Schmerwitz und Hagelberg geht es holperig aber schön durch den Hohen Fläming, nur 10 Km am Mittelpunkt der DDR vorbei. Ab Belzig nehmen wir wieder den Europaradweg R1, der hier von Wittenberg herauf kommt. Höchst komfortabel geht es auf nichtversiegelten Waldwegen dahin. Wir bleiben aber gleich in der Springbachmühle hängen. Apfelhähnchen und Welsfilet an Sonnenschirm und Mühlrad. Empfehlenswert. B102 - Schwanebeck - Baitz - Trebitz - Brück - Brück-Ausbau mit DDR-Flair - Neuendorf - immer am TrübPl schlechten Angedenkens entlang - Borkheide - Beelitz-Heilstätten - hier versagt die Beschilderung. Man fährt ca. 200m Richtung Beelitz, links gegenüber der Bushaltestelle ist der R1 wieder markiert. Dann über die A9 und den Berliner Ring nach Ferch, Petzow und über die Baumgartenbrücke mit dem Blick auf Werder nach Geltow, rechts über die Fähre nach Caputh. Dort wollten wir im Cavaliershaus des Schlosses Fischsuppe schlürfen, aber die arme Aushilfskellnerin hat sich die Suppe über die Kellnerinnenkluft gegossen und da mussten wir was anderes essen. Weiter dann vorbei an Einsteins Sommerhaus (Großes Banner mit Zitat: „Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle.“) - am Templiner See entlang - Potsdam - Glienicker Brücke - Königstraße - Chausseestraße - voila. Und alles im feinsten Sonnenschein. Der Montag war dann grau und verregnet und wir hatten alles richtig gemacht. Später, bei besserem Wetter, sind wir dann noch etwa 50 Km in Berlin und Potsdam spazieren gefahren ... |
83 Km
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| Nachgedanken: Die Überwindung topographischer Hindernisse verbindet uns mit den Erbauern der ersten Eisenbahnstrecken: Die ersten Dampfloks, beschwert mit Güter- oder Personenwagen, hatten sicher die gleiche Mühe, Berge zu überwinden wie ein moderner Radfahrer, selbst wenn er über 24 oder mehr Gänge verfügt. Insofern ist Radfahren, zumal auf Bahntrassen, ein körperlich erfahrbarer Gang in die Geschichte der Fortbewegung. Vor der Erfindung der modernen Verkehrsmittel war Reisen eine Anstrengung mit ungewissem Ausgang, man empfand Dankbarkeit bei unversehrter Ankunft - so sind die Alten gereist, und so können wir es empfinden, wenn wir mit dem Rad reisen. P.S.: Auf dem Heimweg von der Paddeltour anfangs hat die Landrätin des Kreises Müritz noch ein recht vorteihaftes Foto von mir machen lassen. Der Abzug hat allerdings 35€ gekostet. Ganz ungefährlich ist das moderne Reisen denn doch nicht ... |
Total: 868 Km |