Radtour Susi&Felix 2003



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Montag, 11.8.
Jahrhundertsommer in Deutschland. Wir brechen auf um 6:10 Uhr wegen der Morgenkühle. Aufstieg zum Didoll, der Sonnenball glüht rot durch die Fichten. Bei der Abfahrt hinunter zur Eder frieren wir sogar ein bisschen. In Battenberg treffen wir einen freundlichen Mann, der sich für Rad- und Wanderwegmarkierungen stark macht. Er erzählt uns, dass auch 3000 Unterschriften Herrn Mehdorn, den derzeitigen Chef der Deutschen Bahn, nicht dazu bewegen konnten, die stillgelegte Bahntrasse (mit Tunnel!) entlang der Eder zum Radweg umzuwidmen.

Gegen Mittag treffen wir in Frankenberg ein und steigen im Hotel "Zur Sonne" ab. Es ist bullenheiß und jeder Schritt will überlegt sein. Abends sehen wir den passenden Film im auch nicht kühlen Kino: "Long Walk Home". Drei Kinder auf der Flucht quer durch die australische Wüste ...
54 Km
Dienstag, 12.8.
Leider gibt es erst um 7 Uhr Frühstück, aber um Punkt 8 sitzen wir wieder auf den Rädern und fahren Berg- und Talbahn auf dem R6 durch den Frankenwald nach Fritzlar. In der sengenden Hitze nehmen wir ein Bad in der Eder, die ziemlich kaltes Wasser führt, das von der Edertalsperre abgelassen wird um die Schifffahrt auf der Weser aufrecht zu erhalten. Um 14:30 erreichen wir die Seniorenresidenz "Kaiserpfalz " - die auch Hotelzimmer bietet - mit dem buchstäblich letzten Tropfen Schweiß. Nie haben wir so gerne kalt geduscht. Wir fragen nach einem guten Restaurant mit Klimaanlage. "Da Enzo" unten an der Eder wird uns empfohlen. Mit der neuen kurzen Hose angetan - von einem Herrenausstatter wie aus der guten alten Zeit - machen wir uns auf den Weg, um am Ziel zu lesen "Dienstag Ruhetag". Wir sind aber schon trockengelaufen und der Weg zurück in die Oberstadt ist hart. Erst gegen 4 Uhr in der Nacht lässt die Hitze nach und der letzte Ehekrach, dem wir in der beschaulichen Altstadt lauschen dürfen, ebbt ab, so dass wir endlich schlafen dürfen.
50 Km
Mittwoch, 13.8.
Unsere Radkarte weist uns den Weg um einen Tagebau. Allerdings ist es ein Rundweg, der uns eine kostbare Morgenstunde kostet. Danach holen wir mächtig auf, indem wir todesmutig auf der B253 dahinstürmen. Spätestens an der Autobahnauffahrt wünscht man sich Airbag und Seitenaufprallschutz endlich auch für Radler.
Über Wabern und Felsberg geht es bergab nach Melsungen. "Micha's Fischrestaurant" (mit dem offenbar unvermeidlichen Deppenapostroph) beschert uns eine köstliche Mittagspause. Längs der Pfieffe (die heißt wirklich so) geht es tapfer bergauf nach Spangenberg. Dort ist man - wir sind in Deutschland - besonders stolz auf das Einbahnstraßensystem in der ausgestorbenen Altstadt. Man kämpft sich die Gassen hinan und wird - dazu muss man natürlich absteigen - ermahnt, die Verkehrsregeln zu beachten. Dazu läuten die Glocken und dem Religionslehrer fällt die Geschichte vom Ährenlesen am Sabbat (Mk2,23-28) ein ...
Noch weiter oben ("ungeheuer oben" würde Bert Brecht sagen) trohnt das Schloss Spangenberg. Dort machen sie keine Mittagspause, und so entschließen wir uns noch zu diesem letzten Aufstieg. Gott sei Dank etwas kühler ist es auf dem Friedhof, der auf halber Strecke liegt ...
Am Abend gibt es einen Fischteller und eine Flasche "Wehlener Sonnenuhr", so gut, dass eine Rückkehr in das Haus Stöhr beschlossene Sache ist!
52 Km
Donnerstag, 14.8.
Den Schlossberg hinunter, durch die Einbahnstraßen - "Fahren Sie hier hinunter und dort hinten wieder hinauf, dann brauchen Sie nicht gegen die Einbahnstraße zu fahren!" - geht es zunächst bequem die Pfieffe weiter bachaufwärts. Dann kommt die Petershöhe, die wir beide ohne abzusteigen schaffen - aber schaffen tut es schon! Dann hinunter nach Waldkappel mit dem netten kleinen Edeka-Laden, der - wie der Herrenausstatter - aus einer schon vergangenen Zeit zu stammen scheint. Weiter, längs der Wehre nach Eschwege.
Es ist nicht mehr so heiß und bis Wanfried nieselt es ab und zu. Wir hatten gehofft, Tilo Prückner hier zu treffen, weil wir Wanfried aus dem Film "Der Willy-Busch-Report" kennen. Leider war er gerade nicht da, und so sind wir weitergefahren - nach Altenburschla, Großburschla und Heldra.Legendäre Orte, denn hier hat die deutsch-deutsche Grenze ihre böse Wirkung durch ihren abstrusen Verlauf noch zu steigern versucht. In Heldra haben wir das Haus wiedererkannt, das im Film die "Werra-Post" beherbergt. Ausgerechnet das "P" der Leuchtreklame war immer wieder durchgebrannt ...
Wir haben noch nicht genug und nehmen den Werra-Unstrut-Weg in Angriff. Den erreicht man über den Kolonnenweg der Grenztruppen der DDR . Er verläuft auf der Trasse der ehemaligen preussischen Eisenbahn von Treffurt nach Mühlhausen in Thüringen über den Hainich. Bis Heyerode geht es stetig bergauf, dann aber mit 60 Sachen abwärts nach Mühlhausen, die Stadt Thomas Müntzers. Mitten in der wunderschönen Altstadt, in der Jüdenstrasse, finden wir das kleine Hotel "Bundschuh". Betrieben wird es von Herrn Babendererde, der anfangs der neunziger Jahre Im "Wittgensteiner Hof" in Bad Laasphe gekocht hat ....
Dies war unser längster Schlag und am Morgen fällt das Treppensteigen schwer.
90 Km
Freitag, 15.8.
Perfektes Radelwetter, "holländischer" Himmel den ganzen Tag über. Der Versuch, dem Unstrut-Radwanderweg zu folgen war schwierig, weil: Die Unstrut haben sie schon, der Rest ist aber wohl eher im Planungsstadium. Der Wahrheit die Ehre: Zwischen Gebesee und Ringleben gibt es schon zwei schöne Kilometer. Manchmal auch ein Schild, aber den dazu gehörigen Weg, z.B. zwischen Werningshausen und Schallenberg, sollte man wohl eher mit einer Moto-Cross-Maschine befahren und eine Heckenschere mitnehmen.
Der Reihe nach: Von Mühlhausen bis Altengottern Straße. Wichtig: Ohren aufsperren und Fluchtwege ins Grünzeug im Auge behalten. Denn wenn sich zwei Laster begegnen und du bist auch noch da, dann ist einer zu viel ...
Nach Thamsbrück auf dem Deich - schön, aber "inoffiziell". Über Nägelstedt und Klein-Vargula nach Herbsleben. Weiter nach Gebesee durch eine Schafherde. Immer längs der Unstrut holpern strapaziert Mensch und Maschine. Ringleben, Haßleben (mit der Konditorei ohne Kaffee), Werningshausen (auf der Straße Richtung Vehra), Schallenburg - und scho sammer da: In Sömmerda! Der Thüringer Hof nimmt die Erschöpften auf und darauf stoßen wir an. Natürlich mit Saale-Unstrut-Wein.
79 Km
Sonnabend, 16.8.
Man müsste in jeder Stadt zwei Nächte bleiben: Es gibt so viel zu sehen. Der Wirt des Thüringer Hofes versorgt uns mit einer Handbibliothek über Sömmerda, und wir lernen, dass diese fleißige Stadt Waffen und Büromaschinen und Rechner baut - für den Kaiser, den Führer, den Staatsratsvorsitzenden und nun für das global village. Es gibt eine Rheinmetallstraße dort und ein ausgedehntes modernes Industriegebiet, nicht zu vergessen die schöne Altstadt einschließlich Stadtmauer.
Wir ziehen weiter: Nach Kölleda - wegen der Bauarbeiten am Bahnübergang ist ein guter Teil der B176 für uns reserviert - und über Backleben mit Blick auf die "Finne" (ein Höhenzug) bis nach Bad Bibra mit seinem Eiscafé "Pinocchio". (Warum nur heißen ausnahmslos a l l e Eiscafés östlich der Werra "Pinocchio"?) Vor das Eis haben die Götter den Schweiß gesetzt: Hinter uns liegt ein harter Aufstieg bei Schafau und eine dringend benötigte Rast im Wald nahe des Miniaturflugplatzes von Tauhardt.
In Laucha an der Unstrut, deren Windungen wir nun etwas abgekürzt haben - sie weiß schon, warum sie einen anderen Weg als wir genommen hat - in Laucha ist gerade Weinfest, und man fühlt sich an die Mosel versetzt. Wir folgen den letzten Flusskilometern der Unstrut, vorbei an Weinbergen, Winzern und Weinverkostungen und erreichen das malerische Freyburg. Natürlich treffen wir auch die "Fröhliche Dörthe". Eigentlich sollte unser Ziel für heute ja Naumburg sein, aber da wir auf der linken Seite der Unstrut fahren, geben wir der Versuchung nach und radeln, vorbei an der Mündung der Unstrut in die Saale und vorbei am "Steinernen Album" bis nach Weißenfels. Augenfällig ist hier der Kontrast: Zwischen wunderschön restaurierten Teilen der Altstadt findet man beklemmende Zeugnisse des Verfalls und des industriellen Niedergangs. Unser Zuhause für die Nacht, das Hotel "Güldene Berge" ist auf jeden Fall vom Feinsten und wir genießen den lauen Sommerabend im hoteleigenen Gartenlokal. Ganz schön heftig war dieser Tag.
82 Km
Sonntag, 17.8.
Auf der B87, der "via regia", der legendären alten Handelsstraße von Frankfurt am Main nach Leipzig ("Steinau an der Straße"!) geht es durch geschichtsträchtiges Land. In Rippach im Schwan ist Goethe abgestiegen und hat sich im "Faust" mit einem schönen Reim bedankt.
Das Dorf Röcken ist die Geburts- und Sterbestätte von Friedrich Nietzsche. Lützen ist Schlachtfeld gewesen: Im 30ig-jährigen Krieg ist hier der Schwedenkönig Gustaf Adolf gefallen. Später tobte hier der Befreiungskrieg gegen die Franzosen. Das örtliche Schlossmuseum wirbt mit seinem Café, hat aber Sonntags von 12-13 Uhr geschlossen. Wenigstens heißt es nicht Pinocchio ...
Dafür gibt es in Markranstädt kurz vor Leipzig Eisbein und Sauerkraut. Von nichts kommt nichts. Leipzig mit dem Rad zu durchqueren erscheint uns zunächst abenteuerlich, aber wir haben (von langer Hand geplant natürlich) einen Sonntag dafür ausgesucht. Ausgesucht schön ist auch das Sächsisch, in dem uns von freundlichen Menschen Auskunft über den Weg gegeben wird. Im Ring-Café, gemütlich integriert in einen riesigen stalinistischen Klotz, gedenken wir der Montagsdemonstrationen vom Herbst 1989 und sind auf dem gut ausgeschilderten Leipzig-Elbe-Radweg schon wieder hinaus aus der Messestadt. Zuvor haben wir noch kurz den geschäftstüchtigen Russen gelauscht, die sich vor Auerbachs Keller (imagine 'Auerbach's Keller'!) einen Akkordeonwettstreit - Kalinka gegen Titanic - geliefert haben.
Über Brandis geht es nach Zeititz. Dort gibt es einen Flughafen und eine riesige aufgelassene Kaserne, die an schlechtere Zeiten erinnert. Gestritten wird aber weiter: Wir belauschen das Gespräch zwischen einem Hund und einer Gans; Und weil ein Hund nun mal nicht kreischen kann, hat die Gans eben gelernt, zu bellen ....
In Bennewitz an der Mulde ist gerade Dankfest anläßlich der Hilfe für die Flutopfer vor genau einem Jahr. Die schwankenden Gestalten, die uns begegnen, haben offenbar den Unterschied zwischen danken und tanken nicht so eng gesehen. Nu, auf sägssch ...
Schließlich erreichen wir Wurzen, die Heimat des unsterblichen Joachim Ringelnatz und unser Tagesziel.Auf dem Marktplatz werden wir mit Ratschlägen und Broschüren versorgt. Das bessere Hotel sei 5 Kilometer weiter in Nischwitz. Na ja. Aber unsere Wäsche können wir dort waschen lassen, und das ist doch was nach einer Woche.
80 Km
Montag, 18.8.
Zum ersten Mal sehen wir morgens bedeckten Himmel, aber nach ein paar wenigen Tropfen klärt es sich auf und wird schwül-warm, während es im Rest des Landes stürmt und hagelt. In Wurzen bekommt auch Susi eine neue kurze Hose, die die mittlerweile gestählten Oberschenkel besser vor der Sonne schützt. Auf der Suche danach betreten wir auch ein ungewohntes Geschäft: In vielen Orten der ehemaligen DDR, so auch in Wurzen, haben die ebenso ehemaligen vietnamesischen Gastarbeiter sich als Händler niedergelassen und bieten allerlei aus Plaste Gewebtes an. Außerdem BHs, gestapelt wie Eierpappen, dazwischen Keramikhunde mit rot hängender Zunge - ein Augenschmaus.
Durch die Dahlener Heide fahren wir auf Nebenstrecken und Waldwegen über die Gneisenaustadt Schildau nach Torgau an der Elbe. Wir rasten, bewundern das renovierte Schloss, gedenken der ruhmreichen Sowjetarmee und ihrer amerikanischen Verbündeten, die sich dort die Hände gereicht haben um sie schnell wieder los zu lassen und beschließen, trotz der Hitze noch einen Schlag zu radeln. Der einzige größere Ort in unserer Reichweite ist der ehemals bedeutende Eisenbahnknotenpunkt Falkenberg. Dort finden wir das wirklich tolle Hotel "Kronprinz". Unsere Räder dürfen in der Gaststube übernachten und wir lassen uns vom Wandel der Zeiten in Falkenberg erzählen: Als das Hotel noch "Schiefe Ecke" hieß, mit Kohle beheizt wurde und ein Eisenbahnertreff war. Nun ist es auf das schönste herausgeputzt, aber der Marktplatz wird nun mit einem Seniorenzentrum bebaut, während die Jugend mangels Arbeitsplatz das Weite sucht ...
67 Km
Dienstag, 19.8.
Heute Nacht hat es wahrhaftig geregnet und wir starten bei bedecktem Himmel. Über Brandenburg - und Falkenberg gehört gerade schon dazu - sind reichlich Radwegeschilder verstreut. Zusammen mit der Radkarte von der BVA ergibt das Wege über Nebenstrecken und durch Felder und Wälder, wie sie besser nicht sein können. In Uebigau zeigt uns die schön restaurierte Kilometersäule, wie weit es mit Pferd und Wagen nach Prag wäre (48 3/8 Stunden). Zwischen Dübrichen und Trebbus kommen wir durch ein Dorf ohne Namen und ohne befestigte Straße - aber mit Tempo 30-Zone. Mehr wäre allerdings ohnehin unmöglich. Fast jedes Dorf erinnert an den Blutzoll, den es in den vergangenen Kriegen entrichten musste. Der moderne Blutzoll ist eher dem Verkehr geschuldet: All die Ronnys und Thorstens mit ihren kleinen Holzkreuzen ("Er war ein guter Freund") und auch die frisch überfahrene Katze in Friedersdorf erinnern daran. (Hoffentlich gehörte die nicht der Frau mit den ängstlich-suchenden Augen, die auf die Straße gelaufen kam ...)
In Sonnewalde ein Potemkin'sches Schloss, In Birkenwalde eine modernst möblierte Bushaltestelle, die uns als Picknickplatz dient. Mehr zum Spaß fragt uns der Busfahrer, ob wir mitwollen. Gott sei Dank ist das Wetter prächtig, sonst würde uns das Fehlen der bis auf den letzten Krümel herausgeschlagenen Glasverkleidung des Wartehäuschens doch stören.
Im legendären und hübschen Calau ist Kuchenpause. Am Nebentisch verarbeiten die Wehrpflichtigen ihre frischen Erlebnisse von Zwang und wie dem zu begegnen sei ("Eh Alter ...")
Den Schildern Richtung Lübbenau folgen wir bis Raddusch im Spreewald und machen Feierabend im Hotel Spreewaldhafen, weil es so einladend heißt.
82 Km
Mittwoch, 20.8.
Heute gurken wir durch den Spreewald, der durchaus nicht nur schöne Wasserwege bietet. Wir nehmen den Gurkenradweg, den Hofjagdweg und, ab Halbe, die stark befahrene Straße. Es geht von Raddusch über Lübbenau nach Lübben. Da geht es fast zu wie auf dem Markusplatz (na wo schon!). Viele Dialekte sind zu hören: von Köln bis Texas ist alles vertreten. Es sind viele Radler (wirklich viele!) und auch manche Wasserwanderer unterwegs, welch letztere sich von Schleuse zu Schleuse paddeln. Schön! Rast machen wir in der Gaststätte Petkamsberg, nachdem wir eine Menge Sand gemahlen haben. In dieser Gaststätte wird richtig gut gekocht und eine funktionierende "Bio"-Wespenfalle erhöht das Vergnügen weiter. Ambiente wie auf der Söhnelwerft in Kohlhasenbrück, wem das was sagt.
Weiter geht's nach Schlepzig. Das gewann 1999 den Titel "Schönstes Dorf Brandenburgs", und man sieht, weshalb! Über Krausnick und Groß-Wasserburg jetzt dem gut ausgebauten und gut beschilderten Hofjagdweg folgend nach Märkisch Buchholz, Halbe und auf der L74 nach Teupitz. Unsere letzte Hotelnacht verbringen wir auf Schloss Teupitz, ein Haus mit Tradition - Erich Honnecker hat hier seinen Gästen den wahren Sozialismus vorgeführt; und auf der Restaurantterrasse mit 180 Grad Seeblick und versorgt vom Sternekoch ist auch nichts dagegen einzuwenden!
72 Km
Donnerstag, 21.8.
Schon wieder ein strahlender Sommertag. Unsere aufwendige regendichte Ausrüstung hätten wir uns sparen können - aber so geht's mit der Börse.
Das Seengebiet südöstlich von Berlin ist wunderschön. Das gibt der Wannsee-Fan hier zähneknirschend zu. Insbesondere Teupitz ist einen zweiten Blick wert.Auch für das schöne Mittenwalde haben wir zu wenig Zeit, denn das Ziel - eben jener Wannsee - zieht mächtig. Hinter Brusendorf überqueren wir den Berliner Ring - wie sagt Horst Krüger? "Schon das Wort 'Berliner Ring' entzückt mich." - und nehmen eine der beliebten Abkürzungen, die im letzten Kaninchenloch vor dem Wassergraben enden ... Aber wie der schon erwähnte E.H. zu sagen pflegte: "Vorwärts immer, rückwärts nimmer!" So erreichen wir schließlich doch einen bewohnten Ort, und zwar Dahlewitz mit dem prima Handwerkerimbiss (Bulette 1€). In diesem Moment ruft Toni an und meldet, dass das gelbe Trikot, der Champagner und die Küssfrauen bereitstehen. So legen wir uns ins Zeug und rasen mit dem großstädtischen und ungehaltenen berliner Verkehr über Blankenfelde, Großbeeren, Ruhlsdorf und Stahnsdorf, vorbei am alten Grenzübergang Drewitz und der Versuchsanstalt für Feuerwaffen am Stahnsdorfer Damm - nach Wannsee und rollen um 15:30 Uhr in den elterlichen Garten. Dort sitzt meine Mutter und - dass der rote Adler nicht zu hoch steige - lacht mich ob meiner Erscheinung erstmal aus :-)
66 Km
Sonntag, 24.8.
Es ist immer noch Sommer und Berlin besteht ja nicht n u r aus Wannsee, und so steigen Schwester, Bruder und Ehefrau noch einmal in die Pedale und machen eine Sightseeing Tour. Mit der S1 nach Gesundbrunnen, dann mit dem Rad: Bernauer Straße, Hamburger Bahnhof, gegenüber die Riesenbaustelle vom Lehrter Bahnhof/Hauptbahnhof. Über die Moltkebrücke zum Kanzleramt, dann zu Tucher am Brandenburger Tor, Weisse trinken. Das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas hat gerade Baubeginn. Das Achteck des Leipziger Platzes entsteht wieder. Die Stadtkommandatur nimmt auch schon Gestalt an. In der Friedrichwerder'schen Kirche bewundern wir Schinkel, Schadow, Rauch und wie sie alle heißen. Über die Museumsinsel und die Spandauer Vorstadt mit dem Scheunenviertel. Dann erklimmen wir den Prenzlauer Berg und lassen uns am Kollwitzplatz nieder. Wieder hinunter zum Alexanderplatz, am Roten Rathaus vorbei, durch das Nicolaiviertel mit dem Ephraimpalais, zur Jannowitzbrücke und entlang der "East Side Gallery" mit dem Strand dahinter. Über die Oberbaumbrücke mit Blick nach Treptow. Durch Kreuzberg nach Neukölln, über die Sonnenallee, die den Namen für den tollen Film von Thomas Brussig und Leander Haußmann gab. Auf der Oderstraße zur Rückseite vom Flughafen Tempelhof. Die Sonne steht schon so tief, dass sie durch das riesige Gebäude hindurch scheint.Toll. Zum Teltowkanal. Bei Janus in der Ordensmeisterstraße köstliche Pfifferlinge. U-Bahn ab Ullsteinstraße. Zwei Stationen auf dem Ring und mit der S1 nach Hause. Wie sich diese Stadt seit und durch den neunten November 1989 verändert und immer weiter verändert, ist kaum zu fassen. Eben haben wir noch den hässlichen Luisenblock beklagt; Abends in den Nachrichten: Wird im Oktober abgerissen. Der traurige Zustand im Plänterwald? Soll zum Tivoli nach dem Vorbild Kopenhagens werden. Wir kommen wieder und schauen nach. Versprochen.
46 Km

Summa summarum 820 Km - wenn ick mir nich vaßehlt habe -